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„Ohne die Erinnerung können wir unsere Demokratie nicht retten!" - Zum 100. Geburtstag von Hildegard Hamm-Brücher

Heute, am 11. Mai 2021, hätte Hildegard Hamm-Brücher ihren 100. Geburtstag gefeiert. Ein Anlass für uns, um auf ihr Handeln und ihr Lebenswerk zurück zu blicken.

Geboren wurde Hildegard Brücher 1921 und wuchs während des Erstarken des Nationalsozialismus auf. Diese Zeit prägte sie sehr, denn Brücher erfuhr durch ihren Status als sogenannte "Halbjüdin" die Ausgrenzung unter anderem aus Freizeit- und Bildungseinrichtungen. Trotz aller Schwierigkeiten schaffte sie es, ihr Abitur zu absolvieren und studierte daraufhin Chemie an der Universität München. Zur Zeit ihres Studiums gründete sich die studentische Widerstandsgruppe "Die weiße Rose". Einige von ihnen waren Brüchers Freund*innen, aber mit allen teilte sie die Geisteshaltung und den Wunsch, der Nationalsozialismus würde rasch und endgültig enden. Unter dem Schutzschirm ihres Doktorvaters Heinrich Wieland konnte sie in dieser Zeit trotz allem ihren Doktor erlangen.

Mit dem Doktortitel in Chemie in der Tasche, wechselte sie die Richtung und fand ihren Weg in die Politik, wo sie erst auf lokaler und dann sehr schnell auch auf landesweiter Ebene Fuß fasste. Kein Geringerer als der erste Bundespräsident Theodor Heuss soll ihr Talent für die Politik entdeckt und sie dahingehend auch bestärkt haben. Ihre Karriere verdankte sie aber alleine sich selbst und ihrer starken Persönlichkeit: Freiheitsliebend, unnachgiebig und mahnend. In ihrer Zeit als Politikerin wurde sie in wichtige Ministerien berufen; unter anderem hatte sie als erste Frau einen Platz als Staatssekretärin im Kultusministerium Hessen inne und bekleidete sechs Jahre lang die Position der Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Kurzzeitig ging sie sogar als Kandidatin für das Amt der*s Bundespräsident*in ins Rennen. Dort war die Zeit für eine Frau jedoch noch nicht gekommen – vor allem für eine Politikerin, die auf Macht- und Konkurrenzkämpfe nicht einging und sich diesen widersetzte. Ein einschneidendes Erlebnis für die deutsche Politik nach 1945: Das Aufkündigen der sozialliberalen Koalition von FDP und SPD und das Misstrauensvotum gegen Kanzler Helmut Schmidt. Auch für Hamm-Brücher ein einschneidendes Erlebnis, denn sie entschied sich dafür, sich dem politischen Zug ihrer Parteikolleg*innen zu widersetzen. In einer ihrer bekanntesten Reden im Deutschen Bundestag erklärte sie ihr Verwehren der Zustimmung und blieb dabei, dass das was gerade geschehe, "den Odium des verletzten demokratischen Anstands" mit sich bringe. Für diese mutige und öffentliche Stellungnahme bekam sie jedoch die Missbilligung ihrer Partei zu spüren – trotzdem blieb sie vorerst weiter in der FDP.

Neben ihrer Parteiarbeit in der FDP brachte sich Hamm-Brücher schnell und vielseitig in demokratische Initiativen ein. Ihr Wirken in Initiativen und Stiftungen, die sich gegen Diskriminierungen, Antisemitismus und Xenophobie stark machten, blieb ein großer Teil ihrer Arbeit, auch nach ihrem Parteiaustritt. Diesen ließ sie 2002 nach mehr als 50 Jahren Mitgliedschaft nicht unkommentiert, denn "eines konnte ich nicht ertragen aufgrund meiner Biografie: Dass so ein offener Antisemitismus in der FDP Platz greift." Gemeint war die kaum parteiintern kritisierte antiisraelische Position ihres Parteikollegen Möllemann.

Durch Hamm-Brüchers Unterstützung verleiht der Förderverein Demokratisch Handeln e.V.  seit 2009 den "Hildegard Hamm-Brücher-Preis für Demokratisches Handeln", der den kontinuierlichen Einsatz von Gruppen oder Einzelnen für die Demokratie auszeichnet. Der Verleihung dieses Preises wohnte Hildegard-Hamm-Brücher bis zu ihrem Tod bei. Selbst im fortgeschrittenen Alter ließ sie es sich nicht nehmen, an der Verleihung auf der Lernstatt mit Kindern und Jugendlichen teilzunehmen. Ihre 1988 gestellte Frage, was man denn schul- und jugendpädagogisch machen könne, um dem Klima von Vertrauensverlust in die Politik etwas entgegen zu bringen, war eine Inspiration für den 1991 gegründeten Förderverein Demokratisch Handeln. Jugendliche und Kinder sollen, egal mit welchem Hintergrund, praktische Erfahrung mit der Politik und Demokratie machen und das genau da, wo sie ihnen begegnet: Im Jugendzentrum, im Sportverein, im Klassenraum oder in der Nachbarschaft.

Bei diesem hartnäckigen und leidenschaftlichen Engagement für die Demokratie also kein Wunder, dass Hamm-Brücher sich dementsprechend äußerte: "Ich bleibe dabei: Unsere Zukunft und die Zukunft unserer Bildung liegt vor allem in der Demokratiefähigkeit und der Gerechtigkeit von Schule gegenüber den Kindern und Jugendlichen. Die vielen Beispiele demokratischen Handelns geben mir große Zuversicht […]!".

 

Wir sagen Danke, Hildegard Hamm-Brücher!