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5 Fragen an Christoph Schieb, Schulleiter der Grundschule Bad Münder

Christoph Schieb, Vorstandsmitglied des Fördervereins Demokratisch Handeln und Schulleiter der Grundschule Bad Münder, beantwortet 5 Fragen auf dem Blog der Pädagogischen Hochschule Zürich.

In der Rubrik «5 Fragen an…» interviewt Schulleiter Ivo Kamm den Schulleiter Christoph Schieb. Der Stafetten-Stab wird dieses Mal nach Deutschland weitergegeben.

1. Christoph, aus deinen Erzählungen hat mich besonders beeindruckt, wie die Schülerinnen und Schüler bewirkt haben, dass ihr neue Toiletten für eure Schule und sogar ein neues Schulhaus bekommen habt! Wie hat sich das genau zugetragen?

Das ist wahrlich eine Geschichte, die neue Beteiligungsformen, die Frage nach der Qualität im Ganztag, Inklusion und natürlich die Schulentwicklung insgesamt berührt.

In Kurzform: 40 Jahre lang befand sich unsere Schule in einem Schulgebäude, dass sich am Ende nicht mehr als zeitgemäss erwies. Eine veraltete Bausubstanz und beengte Raumverhältnisse liessen eine moderne Unterrichts- und Tagesgestaltung kaum zu. Hinzu kamen als dauerhaftes Ärgernis die Toiletten der Schülerinnen und Schüler, die nicht nur sanierungsbedürftig waren, sondern durch ihre Aussenlage und fehlende Barrierefreiheit schon lange für Gesprächsstoff unter allen Beteiligten sorgten.

Als unsere Kinder der Film AG 2013 über diese Missstände eine höchst amüsante Videoreportage drehten, gewann die Diskussion auch öffentlich an Fahrt. Gleichzeitig wuchs im Kollegium und in der Elternschaft das Bedürfnis nach Einführung eines attraktiven, teilgebundenen Ganztagsangebots für alle Kinder heran, sodass sich immer mehr die Raumfrage an den Schulträger stellte. Da sich in circa 500 Meter Entfernung zur alten Schule ein ungenutztes grosses Schulgebäude befand, bot sich die Möglichkeit, ein neues pädagogisches Konzept unter deutlich verbesserten Rahmenbedingungen zu verwirklichen.

Nach einigen politischen Auseinandersetzungen kam es 2014 zum Beschluss der Sanierung und des Umzugs, woraufhin ein Ausschuss die Detailplanung übernahm, an dem Kinder, Eltern, Kollegium und Schulträger gleichberechtigt beteiligt waren. Seit 2015 befindet sich unsere Schule nun in der Wallstrasse. Dort können wir mit einer grossen Mensa, mehreren Fach- und Gruppenräumen sowie einer barrierefreien Ausstattung unser teilgebundenes Ganztagskonzept verwirklichen. Auch die Toiletten der Schülerinnen und Schüler sind wirklich einladend und sauber geworden – und sie sind es seit fünf Jahren geblieben!

2. Seither hat Demokratiepädagogik an eurer Schule einen festen Platz. Eure Schülerinnen und Schüler betreiben unter anderem ein eigenes Schulradio und produzieren einen Demokratie-Podcast für Kinder. Wie hat sich die Schülerinnen- und Schülerpartizipation konkret auf die Schulentwicklung und die Inklusion ausgewirkt? Und wie hat sich dein Schulleitungshandeln verändert?

Demokratiebildung hatte schon vor unserem Umzug einen Stellenwert, durch unsere neue Ganztagsstruktur waren aber Bedingungen geschaffen, die Demokratieprojekten viel mehr Freiräume boten. Bei der Ausgestaltung des Schullebens konnten wir deshalb immer mehr Verantwortung an den Schülerrat und die Klassen übergeben. So bestimmt unser Schülerrat zum Beispiel das „Jahresthema“ unserer Schule. Unter dem von den Kindern festgelegten Motto sind alle in der Schule aufgerufen, die Schulentwicklung voranzubringen.

Letztes Jahr haben wir uns mit dem Thema „Spielen“ beschäftigt, dieses Jahr ging es um „Sport und Bewegung“. Weiterhin spielt die Medienbildung bei unseren Demokratieprojekten eine Schlüsselrolle. Neben Filmen, die wir mit den Kindern über Anlässe drehen, die sie aus eigener Erfahrung einbringen, ist es besonders unser Schulradio, was sich als Impulsgeber für die Schulentwicklung herauskristallisiert hat. Auf der einen Seite dokumentieren wir mit unseren Eigenproduktionen viele Demokratieprojekte und verankern sie so nachhaltig im Bewusstsein der Kinder und Erwachsenen. Auf der anderen Seite setzen wir mit den darin vorkommenden Themen auch klare Schwerpunkte, wo sich Schule und Gesellschaft weiterhin verbessern müssen: Weniger Gewalt und soziale Ausgrenzung, dagegen mehr kindgerechte Information, mehr Beteiligung und Kinderrechte.

Mein Schulleitungshandeln wird durch diese kontinuierliche Förderung der demokratischen Schulentwicklung entsprechend beeinflusst. Es erfordert eine wesentlich sensiblere Aufmerksamkeit für das, was Kinder und Kollegium beschäftigt. Ebenso sehe ich mich verstärkt in der Rolle des Moderators von Schulentwicklungsprozessen. Schliesslich ist es mehr und mehr meine Aufgabe, viele kleine und grosse Erfolge auf diesem Weg mit den Kindern und allen anderen Beteiligten zu geniessen und irgendwie festzuhalten.  

3. Mich würde interessieren, was eure Rezepte sind für eine nachhaltige Schulentwicklung?

Neben dem oben bereits erwähnten fest institutionalisierten „Jahresthema“ haben wir eine Demokratie AG, in der Schülerinnen und Schüler mit einer Lehrkraft Ideen entwickeln, die der Schule mittelfristig starke konkrete Impulse setzen. Da geht es zum Beispiel um die von Kindern organisierte Ausleihe von Spielgeräten während der Schulpausen, die Verkehrssituation um das Schulgebäude herum oder um die Verwirklichung eines Schulwalds.

Auch die weiterhin bestehende Film AG und unser Schulradio bringen immer wieder Themen auf die Tagesordnung, die für alle von Interesse sind: von unserem Kinderrechte-Spielfilm über unser Schulgespenst Wally zu Hörspielen von Kindern mit Fluchterfahrungen bis hin zum Erhalt der Schulgemeinschaft in Corona-Zeiten – wir greifen das auf, was die Menschen hier in unserem System beschäftigt. Hinsichtlich der nachhaltigen Wirkung unterstützen uns dabei unsere medialen Dokumentationen, zum Beispiel über die umfangreiche Projektdatenbank auf unserer Schulhomepage, unser YouTube-Kanal oder auch die vielzähligen Poster zu einzelnen Vorhaben, die wir grafisch selbst herstellen und in unseren Schulfluren aufhängen. Schulentwicklung braucht schliesslich Erinnerung. Über allem steht dann natürlich noch das Schulprogramm, welches wir jährlich in den Gremien überarbeiten und in dem wir unsere Ziele und Massnahmen definieren.

4. Netzwerke und netzwerken ist für mich als Schulleiter unverzichtbar. Der Austausch mit anderen bringt frische Ideen und Lösungsansätze in die eigene Welt. Welche Netzwerke nutzt du als Schulleiter und wie erlebst du ihre Wirkung?

Dass netzwerken frischen Wind und neue Impulse schafft, kann ich nur bestätigen. Ohne den Blick von aussen wird einem oft gar nicht bewusst, was dem eigenen System vielleicht noch fehlt oder was wirklich gut läuft. Ich selbst habe sehr davon profitiert, unsere Schulentwicklung und mein eigenes Handeln als Schulleiter immer wieder in verschiedene Zusammenhänge zu stellen, um so Kraft und Ideen für neue Wege zu schöpfen.

Bedeutsam sind hier zum Beispiel im Bereich der Demokratiebildung die Deutsche Schulakademie, der Wettbewerb Demokratisch Handeln, die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik oder auch die Initiative des Niedersächsischen Kultusministeriums unter dem Motto „Demokratisch Gestalten“. Besonders anregend für mich ist natürlich auch der Bereich der Medienbildung. Hier sind wir als Niedersachsens einzige Grundschule im Netzwerk „Referenzschule: Film“ aktiv. Und mit unserem Schulradio verbinden uns zahlreiche Kontakte zu regionalen und überregionalen Sendern sowie medienpädagogischen Einrichtungen.

5. Welchen Mehrwert bekommen die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Bad Münder durch das Profil der Schule mit auf den Weg?

Unsere vier Profilschwerpunkte Musik, Film, Demokratie und Radio begleiten die Kinder mehr als vier Jahre lang. Bereits vor der Einschulung erleben sie in verschiedenen Darbietungsformen, wie wir Schule unter dem Motto „miteinander lernen – füreinander da sein“ verwirklichen. Vom ersten Schultag an ist es unser Bestreben, das Miteinander täglich spürbar werden zu lassen, ob im wertschätzenden Umgang, in Filmen und Podcasts oder mit schillernden Grossprojekten.

So reihen sich zahlreiche Erfahrungen und in der Summe sicherlich positive Erlebnisse um das, was uns wichtig ist. Ich bin überzeugt, dass die meisten Kinder unserer Schule am Ende ihrer Grundschulzeit eine Menge darüber wissen, was eine gute Schule ausmacht. Und ich glaube daran, dass sie auf ihrem weiteren Weg immer von dem Miteinander begleitet werden, welches sie an der Grundschule Bad Münder auf vielfältige Weise erleben konnten.

Von Ivo Kamm, Schulleiter Primarschule Jonschwil

Den originalen Blogeintrag gibt es auf dem Blog der Pädagogischen Hochschule Zürich.