Ein Förderprogramm für Jugend und Schule
In einem wirklichen, großen und „umfassenden“ Bürgerbau der „Dreikönigskirche“ in der Dresdner Neustadt, dem Haus, in dem der „Runde Tisch“ zur Wendezeit getagt und der Sächsische Landtag anfangs der 1990er-Jahre die Verfassung des Freistaates beraten und verabschiedet hat treffen sich am 27. Januar 2007 rund 20 Projektgruppen aus verschiedenen sächsischen Schulen. Sie kommen aus allen Regionen des Landes von Chemnitz bis Hoyerswerda und es sind nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, sondern vor allem auch Schülerinnen und Schüler, die sich da aufgemacht haben, um von ihrem Lernen und ihrer Erfahrung mit der Demokratie zu berichten: Sie wollen ihre Projekte präsentieren und diskutieren.
Zunächst jedoch geht es darum, den „Demokratie-Garten“ aufzubauen. Damit meinen die Veranstalter absichtsvoll eine improvisierte Ausstellung und Präsentation von Projektergebnissen und Projektdokumenten durch die Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrerinnen und Lehrern. Projektdokumente, deren Gegenstand das Demokratie-Lernen und demokratisches Handeln gewissermaßen als zu hegenden Pflanzen verstehbar sind und einer pfleglichen Fürsorge bedürfen. Damit setzt, begleitet von einem gastlichen Kaffee-Imbiss, eine zunächst unorganisiert und chaotisch wirkende, aber zu prägnanten Ergebnissen führende Ausgestaltung von drei Workshop-Räumen ein: Projekte zur Integration durch „Miteinander Trommeln Hakuna Matata“, zur Freiwilligen-Agentur, zum Schulfunk, zur Ökologie, zum sensiblen Umgang mit dem verheerenden Erbe des Nationalsozialismus, zum „Klauen“ von Ladenwaren bis hin zu Dateien und Musikstreams allerhand Themen waren geboten, die die Schülerinnen und Schüler quer durch alle Schularten bewegt haben.
Demokratie: Toleranz, Empathie, ein „Verstehen wollen“
Joachim Klose, Leiter des Bildungswerks Dresden der Konrad-Adenauer-Stiftung, nahm mit großem Interesse die Vielfalt der von den Projektgruppen präsentierten Themen zur Kenntnis. Er sprach sich vehement für einen lebendigen Demokratiebegriff aus, der nicht alleine der formalen Verfasstheit institutioneller Strukturen von Politik gilt, sondern auf die menschliche Mitte zielt. Demokratie, so Klose, sei geprägt von Toleranz und Empathie. Sie brauche notwendig den ganzen Menschen, der sich in andere Verhältnisse einfühlen könne und „verstehen will“, nicht alleine nur Interessen durchsetze. Joachim Klose plädiert für ein Verständnis von Demokratie, das aus „der Lust am Verstehen des Anderen“ schöpfe. Es liegt auf der Hand, dass Miteinander-Sprechen, der Diskurs und der Meinungsstreit, aber vor allem auch das Zuhören wollen und können hierfür grundlegende Anforderungen sind. Der weitere Verlauf des Workshops sollte denn auch zeigen, wieweit hier die Kompetenzen bei dieser „Schul“-Versammlung schon ausgeprägt waren.
Wo kämen wir hin,
wenn alle sagten,
wo kämen wir hin,
und niemand ginge,
um einmal zu schauen,
wohin man käme,
wenn man ginge.
(Kurt Marti)
Für das Sächsische Staatsministerium für Kultus erinnerte Raphaele Polack mit Kurt Martis wortspielerischem Gedicht „Wo kämen wir hin ...“ an die Aufgabe, Demokratie nicht nur als Verstehen und Wissen von Institutionen und deren Geschichte zu akzeptieren, sondern gerade in der Schule als ein die Lebensverhältnisse, die Erfahrungsräume und ein das Handeln prägendes Lernen zu gestalten wir können nicht nur über Demokratie sprechen, sondern müssen in der Demokratie gehen lernen, so die Essenz aus Martis Sinngedicht. Frau Polack hat mir ihrem freundlichen und auf das demokratische Erfahrungslernen zielenden Grußwort die Bereitschaft des Kultusministeriums unterstrichen, der Demokratiepädagogik in den sächsischen Schulen auch weiterhin hohe Priorität zuzubilligen.
Der Geschäftsführer des Wettbewerbs Demokratisch Handeln, Wolfgang Beutel, umreißt die spannungsreiche Aufgabe, den gegenwärtigen demokratiekritischen Tendenzen mit diesem Förderprogramm die durch bürgerschaftliches Engagement unterfütterte, mit Einmischen und Handeln verbundene Form einer schulischen „Demokratiepädagogik“ entgegenzustellen. Denn die skeptischen Stimmen und wissenschaftlichen Daten, die in der öffentlichen Debatte, in der Politik und auch in der Politikwissenschaft sowie den soziologischen Forschungen zur Demokratieakzeptanz in Deutschland immer deutlicher sichtbar werden, beschreiben einen wichtigen Ausgangspunkt für die Demokratiepädagogik in der Schule. Es gibt eine Spannung zwischen den wenig Zuversicht ausstrahlenden Zukunftsbildern der „post-demokratischen“ Gesellschaft, die den kritischen, pluralen und offenen Kern der „liberalen Demokratie“ zu verlieren droht und einem Handeln in kleinen überschaubaren Kommunitäten, das die gegenwärtigen und künftigen strukturellen Herausforderungen der Globalisierung alleine kaum gestalten und bestehen können. Dabei kann das bürgergesellschaftliche Engagement für die Demokratie politische Handlungsverhältnisse ergänzen:
Jenseits aller berechtigten und notwendigen wissenschaftsbasierten Skepsis gegenüber der Demokratie als purer Selbstverständlichkeit benötigt das pädagogische Grundverhältnis in Schule und Erziehung eine alltäglich sichtbare demokratiepädagogische Basis, wie sie in verschiedenen Ausprägungen durch die Schulprojekte und Praxisbeispiele belegt wird.
Kinder und Jugendliche präsentieren ihre Demokratie-Erfahrung in Workshops
Danach übernahmen die Schülerinnen und Schüler mit Ihren Lehrkräften das Szepter. In drei Gruppen wurden rund zwanzig aktuelle Schulprojekte vorgestellt. In jeder Gruppe kamen sechs bis sieben Projekte ausführlich dazu, ihren Verlauf, ihre Ergebnisse, aber auch ihre Probleme, Reibungspunkte und Grenzen zu benennen.
Einige Beispiele sprechen für sich:
- Schülerinnen und Schüler der Mittelschule "Gotthold Ephraim Lessing" in Lengenfeld und der Sonnenhof-Förderschule für geistig Behinderte in Auerbach nutzen zunächst unabhängig voneinander Trommeln im Unterricht. Etwa 30 Schüler beider Schulen gründen eine Trommelgruppe und treten mit einem Programm orientalischer Rhythmen u.a. im sächsischen Landtag auf. Die sonst wenig Beachteten machen mit, sind Teil des Ganzen, treten öffentlich auf und bekommen Applaus!
- Schülerinnen und Schüler des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums in Bautzen produzieren Schulfunksendungen in Kooperation mit dem Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanal. Diese Sendungen beschäftigen sich vor allem mit dem Thema Schule und der Stadt Bautzen. Sie wurden in der Schule ausgestrahlt und von Schülern ausgewertet. Hier wird ein Kommunikationsraum der Schule von den Jugendlichen eigenverantwortlich gestaltet!
- Aus dem Modellprojekt „Sächsische Jugend für Demokratie“ geht 2004 der Verein Peer Training Sachsen hervor. In diesem Verein setzten sich Jugendliche ehrenamtlich für mehr Toleranz, Verständnis und Vielfalt ein. Mit einem vielfältigen Angebot an Workshops richten sie sich an Schulen und Jugendgruppen in ganz Sachsen. Diese Gruppe fördert das Kompetenz-Training im öffentlichen Auftreten und in der Wahrnehmung eigener Angelegenheit von Gleich zu Gleich!
- Die „virtuelle Schule“ will mit aktueller 3D-Animations-Software das Schulhaus auf die Webseite der Schule stellen. Lernerfahrung mit 3D-Programmierung verbindet sich mit der Absicht, online und „modern“ Unterrichtsmaterialien für alle zugänglich zu machen. In diesem Projekt wird Unterricht transparent, die Schülerinnen und Schüler bemächtigen sich Ihres Hauses auf Art und Weise „moderner Medien“, sie entwickeln mit Ernsthaftigkeit Lern- und Übungsmaterialien!
Die Vielfalt der Themen und Arbeitsformen scheint auf den ersten Blick nicht hochpolitisch. Ein zweiter Blick jedoch zeigt die Essenz dieser Aktivitäten. Sie greifen Themen und Fragen der Schulgemeinschaft auf, sie werden von den Kindern und Jugendlichen selbsttätig und selbständig bearbeitet. An den Projekten, ihrer Durchführung, Gestaltung und den Ergebnissen partizipieren die Schülerinnen und Schüler. Die Projekte tragen zu einer effizienten Problemlösung der jeweiligen Herausforderung bei, sie streben Transparenz in der Öffentlichkeit von Schule und Gemeinde an.
Beeindruckend war allemal, wie gut vorbereitet und mit welchem Elan die Schülerinnen und Schüler ihre Projekte vorgestellt haben mit Ausstellungstafeln, Broschüren und PowerPoint-Dateien, ja mit „Trommel-Events“.
Die abschließende Präsentation im Plenum führte zu einem lebendigen und anschaulichen Bühnenprogramm, dessen Abwechslungsreichtum angesichts der knappen Vorbereitungszeit staunen machte. Die wesentlichen Elemente einer bürgerschaftlichen Demokratie, die sich auf Lebenspraxis und Lebenskultur beruft, wurden darin deutlich sichtbar: Es geht vor allem um Wahrnehmung und Anerkennung. Keinen auszugrenzen aufgrund seiner individuellen Biographie und Disposition so die Botschaft ist eine Kernaufgabe von Demokratie-Lernen in der Schule.
Abschließend dankte der Regionalberater des Förderprogramms Wolfgang Wildfeuer vom Sächsischen Bildungsinstitut für die engagierte Mitarbeit in den Gruppen und bei der anschließenden Präsentation im Plenum. Er bot seine Unterstützung für die weitere Ausgestaltung der Projekte bei der Durchführung, Projektdokumentation oder auch in Form von netzwerkorientierten Wokshops und Fortbildungen in den Regionen und des Bildungsinstituts an.
„Gesagt. Getan!“, die Gäste aus Sachsen und die Veranstalter waren mit diesem Einstieg in eine Wettbewerbs-Präsentation, bei der es noch keine Sieger und keine Gewinner, sondern nur Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt, doch recht zufrieden. Es wäre zu wünschen, dass diese Veranstaltungsreihe fortgeführt werden kann.
(Wolfgang Beutel, Jena, Februar 2007)