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Der "Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreis für Demokratie lernen und erfahren 2015"

Am zweiten Tag der Lernstatt wurde sich aufgeklärter Werte und Normen bewusst gemacht, sowie das Engagement demokratisch handelnder Menschen geehrt. Wie schon zur Auftaktveranstaltung haben Emilia und Sofia vom Weimarer Musikgymniasium mit ihrem Trompetenspiel den Abend klangvoll angestimmt. Daraufhin folgten Grußworte von Prof. Dr. Peter Fauser. Er hat die Besucher in Jena begrüßt, eine Stadt die eine lange Tradition von Aufklärung und Wissenschaft vereint. Nicht weit entfernt liegt Weimar, Stadt deutscher Hochkultur und Weimarer Republik. Auch das Gelände der IMAGINATA könnte Bücher schreiben, darüber was sich hier in den letzten 89 Jahren zugetragen hat. So ist es gar nicht so lange her, dass die Nazis für Grauen und Schrecken sorgten, und dass bei Weimar in Buchenwald Menschen in den Tod befördert wurden, auch im ehemaligen Umspannwerk wurden zu NS-Zeiten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen beschäftigt. Deshalb und aufgrund aktueller politischer und sozialer Krisen ist es so wichtig, dass immer wieder junge und alte Menschen zusammenkommen, um sich mit dem Begriff und der Bedeutung von Demokratie auseinanderzusetzen und darüber zu diskutieren, wie man Vorurteile abbauen und toleranten Umgang realisieren kann.

Leider konnte die Ehrendame des Abends nicht anwesend sein, aber Frau Hildegard Hamm-Brücher hat ihre Tochter stellvertretend Grußworte an die Trägerinnen und Träger des Förderpreises, die geladenen Gäste und das Publikum ausrichten lassen. Seit nunmehr sechs Jahren wird der Hildegard Hamm-Brücher-Preis von Demokratisch Handeln mit Unterstützung der Heidehof-Stiftung an besonderes Engagement und demokratisches Handeln verliehen. In diesem Jahr steht er unter dem Motto "Aufklärung und Freiheit". Die aktuellen Preisträgerin und Preisträger Frau Barbara John und Herr Heribert Prantl haben durch ihr politisches Engagement und ihre genauso gewichtigen wie wirkungsstarken Wortmeldungen zur demokratischen Kultur, zur Sicherung und Ausgestaltung einer freien und solidarischen Gesellschaft Beiträge von orientierungsgebender Bedeutung geleistet. Beispielhaft zeigen sie, dass eine Demokratie darauf angewiesen ist, dass sie sich immer wieder durch kritische und selbstkritische Analysen und durch den tätigen Einsatz glaubwürdiger Bürgerinnen und Bürger erneuert.

Doch nicht nur die politischen alten Hasen sollten geehrt, sondern auch die Nachkömmlinge motiviert werden sich weiterhin für Bildung demokratischer Werte, Verständigung über die Geschichte und Partizipation an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen. Es war nicht leicht aus den vielen kreativen und durchdachten Projekten eins heraus zu kristallisieren, welches den Hildegard Hamm-Brücher-Preis bekommen sollte. Geehrt wurde am gestrigen Abend ein Zeitzeugen-Projekt ("Der Nachgeschmack von Speck und Pörkölt - Das Paneuropäische Picknick – Der Durchbruch in die Freiheit") der vier 12. Klässlerinnnen des St. Augustin Gymnasiums in Grimma. Es hat Geschichtsbewusstsein mit Engagement verbunden, zu Vernetzung beigetragen und demokratische Werte aufblühen lassen.

Empowerment und Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit

Barbara John wurde 1981 vom Berlin regierenden Bürgermeister Richard Weizsäcker auf den neu geschaffenen Posten der Ausländerbeauftragten des Berliner Senats berufen, diesen hat sie verantwortungsvoll bis 2003 innegehabt. Im Mai 2001 wurde sie dann für eine Honorarprofessur an das Institut für Europäische Ethnologie der Berliner Humboldt-Universität berufen. Dieses Jahr hat sie den Förderpreis für Demokratisches Handeln anlässlich ihrer Arbeit als Ombudsfrau für die Familien der NSU-Opfer erhalten. Gemeinsam mit den Hinterbliebenen hat sie ein Buch geschrieben: "Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen – Was der NSU-Terror für die Opfer und die Angehörigen bedeutet" (Herder Verlag) um sie zu unterstützen Selbstständigkeit zurück zu erlangen, sich von der Opferrolle zu befreien und wieder lebensfroh nach vorne schauen zu können. Sie hat sich in ihrem Leben als CDU-Politikerin nie von ihrer Partei zu Konformismus drängen lassen, sondern immer gesagt, was ihr nicht passt und wie man das ändern könne. In ihrer Arbeit als Ombudsfrau war es ihr enorm wichtig im direkten Kontakt mit den Betroffenen zu stehen, um ihnen rechtliche wie auch emotionale Unterstützung bei der Verarbeitung ihrer Geschichte zu geben.

Mit dem journalistischen Finger in politische Wunden

Heribert Prantl ist studierter Jurist und gelernter Anwalt. Vor seiner Tätigkeit als politischer Journalist hat er in unterschiedlichen bayerischen Amts- und Landgerichten als Richter und Staatsanwalt gearbeitet. Seit 1987 ist er politischer Redakteur mit Schwerpunkt der Rechtspolitik bei der Süddeutschen Zeitung, seit 1995 ist er Leiter des Ressorts Innenpolitik. Herr Prantl hat durch seine Beiträge zu aktuellen wie zu überdauernden demokratiepolitischen und verfassungsrechtlichen Fragen und Brennpunkten wichtige gesellschaftliche Diskurse angeregt. Nicht zuletzt gehören hierzu seine Beiträge zu den Menschenrechten der Kinder und zu flüchtlingspolitischen Themen.

Wie auch Frau John hat Herr Prantl zu Aufklärung und Schutz der Menschen- und Freiheitsrechte beigetragen; besonders haben sie sich für Minderheiten und Schutzlose eingesetzt, zu vernünftigem Denken bewegt und zu demokratischer Wertebildung beigetragen.

Grenzen überwinden

Vier Schülerinnen und Schüler der zwölften Klassen des Gymnasiums St. Augustin in Grimma führten seit 2012 das Projekt "Der Nachgeschmack von Speck und Pörkölt – das Paneuropäische Picknick – der Durchbruch in die Freiheit (19.August 1989)" durch. "Im Mittelpunkt stehen Menschen, die im Sommer 1989 in Sopran/Ungarn eine Veranstaltung an der Grenze zu Österreich organisieren wollen, um zu zeigen wie überholt der immer noch vorhandene Eiserne Vorhang doch sei." Dabei wurde die Grenze zu Österreich kurzzeitig geöffnet, damit österreichische und ungarische Menschen am geplanten Picknick teilnehmen konnten. Diese Veranstaltung nutzten einige DDR-Bürgerinnen und Bürger, um über den Umweg Ungarn aus ihrem Land zu fliehen. Die Schülerinnen recherchierten das Thema, führten Zeitzeugengespräche und erstellten anschließend einen Dokumentarfilm und eine Broschüre. Mit ihrem Projekt trugen sie zur Aufarbeitung geschichtlicher Geschehnisse bei, tauschten sich mit anderen Menschen über demokratische Ziele aus und machten Wissen spielerisch für die Nachwelt zugängig.

Demokratisches Denken mit Grundsätzen des Philosophierens nach Kant: "Selbstdenken, an der Stelle der Anderen denken, stets mit sich im Reinen sein."

"Am Anfang war das Wort Demokratie, aber weil diese von Menschen gemacht wird, tut sie sich schwer Fleisch zu werden, dennoch soll sie lebendig werden." So begann Gesine Schwan die Laudatio des Abends. Frau Schwan hatte von 1985 bis 1987 den Vorsitz der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft inne, von 1994 bis 2000 war sie Mitglied des Vorstandes der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft. Im März 2004 wählten SPD und Bündnis 20/Grünen sie zur Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, im Mai 2008 wurde sie erneut durch die SPD für die Wahl des Amtes der Bundespräsidentin im darauf folgenden Jahr nominiert. Eingehend ordnete sie den demokratischen Begriff geschichtlich ein und zitierte in den 1930er Jahren emigrierte Deutsche, welche mit Entsetzen feststellten, was aus ihrer geliebten Weimarer Demokratie geworden ist, "die klassische deutsche Bildung konnte sich nicht den Nazis entgegensetzen". Weiter sprach sie sich dafür aus, die Möglichkeiten zu ergreifen die Verfassung grundrechtlich umzusetzen, indem sie von den Menschen demokratisch praktiziert wird. Sie plädierte für Verantwortung seitens der Politikerinnen und Politiker wieder mit den Bürgerinnen und Bürgern in direkten Kontakt zu treten, Auseinandersetzungen zu suchen und solidarisch zu handeln. Es sei notwendig Aufklärung und Freiheit in der Gesellschaft zu fördern, um autoritären und gemeinschaftsfeindlichen Strukturen Zivilcourage entgegenzusetzen.

Demokratie von der Pike auf

Dieses Jahr wurde das erste Mal auf der Preisverleihung des Hildegard Hamm-Brücher-Preises auch eine Laudatio der Juniorbotschafterinnen und Juniorbotschafter von Demokratisch Handeln vorgetragen. Marie Kirschstein berichtete von ihrer privilegierten Situation nicht mit Lebens- und Existenzangst konfrontiert zu sein, daher wolle sie auch im Interesse anderer Menschen handeln und andere dazu bewegen, Verantwortung für gemeinsame Entscheidungen und Kompromisse zu übernehmen. Die Jugendbotschafterin empfand es als äußert herzerwärmend zu sehen wie die jungen Preisträgerinnen des Hildegard Brücher-Hamm-Förderpreises in ihrem Projekt "Geschichte, Spannung und Glück" des Ereignisses vom 19. August 1989 darstellten. Sie sieht im Paneuropäischen Picknick eine Sternstunde der Demokratie.

Blühendes Engagement

Nach der Preisverleihung folgten die Dankesreden der Preisträgerinnen und Preisträger. Frau John äußerte ihr Entsetzen über behördliches Versagen während der Morde des Nationalsozialistischen Untergrundes und betonte, dass Demokratie nur durch direktes Handeln entstehen kann. "Als ich die Aufgabe der Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer übernommen habe, hat man mich gefragt, was ich nun tun werde. Ich sagte, ich weiß nicht, was ich machen werde, aber ich weiß, dass ich mit den Menschen reden will" und das tat Frau John dann auch, sie besuchte die Familien zu Hause, erfragte ihre Bedürfnisse und hat die Rolle der Vermittlung zwischen Behörde und Mensch übernommen.

Auch Herr Prantl hat betont, wie enttäuscht er von den Behörden und deren Flüchtlingspolitik ist. Er hat erzählt, wie er 1965 den Gesetzesentwurf eines neuen Asylrechts in öffentliche Debatten brachte. In diesem wurden die Rechte Asylsuchender zu großen Teilen eingeschränkt und mit großen Hürden belegt.

Die Projektpreisträgerinnen waren sichtbar überrascht und erfreut, dass sie die Medaille des Hildegard Hamm-Brücher Preises mit nach Hause nehmen konnten, sie sagten, dass ihnen die Arbeit an dem Projekt sehr viel Erkenntnis über die Menschen, die das Pan Europäische Picknick initiiert haben, gegeben hat.

(Laura von Hirschhausen, 19. Juni 2015, Jena)

 


 

Update: 01.07.2015 (DI)

 
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