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Eine Sache zur Angelegenheit der ganzen Schule machen

Peter Fauser, wissenschaftlicher Leiter des Förderprogramms Demokratisch Handeln hat es übernommen, die Laudatio auf diese beiden Projekten zu formulieren. Er betont in Blick auf das Projekt zur Deutschen Einheit, wie beeindruckend "der unbedingte Wille, die Sache zu einer Angelegenheit der gesamten Schule und nicht etwa nur eines Geschichtskurses zu machen" und wie wichtig die "Zeitgenossenschaft für eine Reihe der Lehrerinnen und Lehrer an der Schule" sei. Denn, so Fauser, es dürfe keinesfalls unterschätzt werden, "wie hilfreich die positive Würdigung dieses historisch-gesellschaftlichen Wandels in einer Zeit ist, in der der Ertrag der freiheitlich-demokratischen und wirtschaftlich-marktverfassten Gesellschaftsordnung sich stark nachlassenden Bindekräften gerade auch in den Neuen Bundesländern ausgesetzt sieht", und er betont zugleich, dass die zweifellos vorhandenen Gerechtigkeits- und Verteilungsdefizite unserer offenen Gesellschaft "thematisiert werden müssen: in der Demokratie."

Das Straßenfußball-Projekt der Brandenburgischen Schule in Brieselang beeindrucke mit mehreren Handlungslinien, die sich zu einem dynamischen und die Schule prägenden Projekt verdichten: "Die praktische Arbeit an einer lebendigen Kultur demokratisch akzeptabler Verfasstheit der Schule und des Schullebens durch Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler, die Auseinandersetzung mit einem jugendspezifischen Spielmodell als spielerischer und leicht praktisch umsetzbarer Weg zur Fair-Play- und Regel-Schulung und der Einbeziehung der Entwicklungs- und Wohlstandsdifferenz zwischen Europa und Lateinamerika aus dem Phänomen 'Straßenfußball' heraus" seien diese Strukturelemente. Beispielhaft zeige die Schule, wie demokratische Verantwortungsnahme entwicklungspolitische und globale politische Fragen in einer Kombination von Lernen und Handeln aufnehmen könne, denn "hier wird das Thema der Lebens- und Armutsverhältnisse in Lateinamerika zu einem Lernanlass in der Schule, ja zu einem  integrativen Ansatz", sagte Peter Fauser. Die Schülerinnen und Schüler sowie ihre Lehrkräfte haben die Anerkennung und die Preisübergabe durch Hildegard Hamm-Brücher sichtlich genossen.

"Ei Mann, he – Schiller, Goethe oder nicht besser wir?"

Ein beeindruckendes Theater-Spektakel entfaltete die Theater-AG des Schulzentrums "Walliser Straße" unter Anleitung von Holger Möller. Witzig, stilgerecht und durchaus provozierend haben rund zwölf Jugendliche das Spannungsfeld zwischen Arm und Reich, Deutsch und Migration, zwischen Heimat und ferner Herkunft, zwischen proletig-provozierendem, machohaftem Jugendjargon und leistungskurs-verliebten Abitur-Bildungsdünkel dargestellt – der gesamte Festsaal der Bürgerschaft wurde zur Bühne. Die Darstellung hat das Integrations-Problem und vor allem die Fülle der in diesem Feld vorhandenen Vorurteile professionell, charmant und mit feiner Ironie eingefangen. So mancher aus der Zuhörerschaft hat sich sicherlich gefragt, ob man nicht da und dort selbst all der zugespitzten Zuschreibungen und Vorverurteilungen anheimfällt, wenn man die Menschen der Umgebung schnell in Fremd und Deutsch, in Arm und Reich, in Unterschicht und Oberschicht einteilt. Auch hier war die Lernstatt der deutschen Herbst-Debatte im Jahr 2010 wieder mal weitsichtig voraus: Thilo Sarrazins Blick auf die Integrationsdebatte wurden substanziell und eben von Schülerinnen und Schülern "mit Migrationshintergrund" souverän konterkariert: Es sind eben nicht Gruppenmuster, Ethnien oder gar durch genetische Disposition geprägte Sachverhalte, die Konflikt und Solidarität gleichermaßen generieren. Es sind letztlich immer einzelne Menschen, die sich – wie auch immer – verständigen und verständigen müssen, auch über Vorurteile, Ausschluss, Sanktion oder gar Gewalt. Und die ist nicht immer nur eine körperliche, sondern nach wie vor strukturell wirksam in all den Vorurteilen, die so leicht die Lösung anstehender Probleme in der Gesellschaft verdecken. Die Wirklichkeit ist eben komplexer als manche politisch-situative Vereinfachung: Und die kleine Bühne des Festsaals in der Bremischen Bürgerschaft wurde hier zu einer "moralischen Anstalt" im besten Schillerschen Sinne.

Kann der Bundespräsident zurücktreten, und weshalb?

Im Anschluss an die Preisverleihung im Bremer Landesparlament fand schließlich  ein Podiumsgespräch "Demokratie – was bringt das?" mit Schülerinnen und Schüler aus den beiden Preisträger-Schulen, der Laudatorin Christa Goetsch und Senator Scherf, der Bremischen Schulsenatorin Renate Jürgens-Pieper sowie der Namenspatin des Preises, Hildegard Hamm-Brücher, statt. Moderiert hat hierbei Jessica Bloem, bekannt aus der jungen Radiowelle "Bremen4" und als Sprecherin der Nachrichten im TV-Lokaljournal "buten un binnen".

Schnell hat sich die Debatte um den Anfang Juni sehr aktuellen Rücktritt des früheren Bundespräsidenten Horst Köhler sowie das Geschäft und den Charakter der Kandidatenbestellung konzentriert, die Deutschland im Juni in eine sichtlich an der Politik interessierte Landschaft verwandelt hatte. Insbesondere Henning Scherf und Hildegard Hamm-Brücher haben wohlabwägend die komplexe Belastungs- und Handlungslage des präsidialen Amtes und auch der Kandidatenkür diskutiert und vor allzu schnellen Vorverurteilungen im Sinne der Machtpolitik gewarnt.

Es war bei diesem Gespräch nicht immer leicht, einen Dialog zwischen den höchst unterschiedlichen Erfahrungswelten der Podiantinnen und Podianten herzustellen, gleichwohl wurde deutlich, dass das Nachdenken über Politik in der Demokratie alle auf ihre Art eint – in jeder Altersstufe, in Erfahrungskontexten, die von der Sekundarschule bis ins Ministerium reichen, vom jungen Achtklässler über die Abiturientin bis zu Hildegard Hamm-Brücher, deren Urteil vor dem Hintergrund der Präsenz der ganzen deutschen Geschichtsdramatik des letzten Jahrhunderts sich rechtfertigt. Ohne Nachdenken, ohne Gespräch, ohne Verständigung und ohne Toleranz im Konflikt gibt es eben keine Demokratie!

Pallas Café– Ein weiteres Projekt gibt dem Fest das Buffet

Nach all der Anstrengung von Rede, Begriff, von Frage und Antwort wurde aber auch das Feiern nicht vergessen. Besonderer Dank gilt dabei der nachfolgenden Bewirtung durch die Schülerfirma "Pallas Café" der Wilhelm-Olbers Schule in Bremen. Schon ab 14.00 Uhr waren die Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangstufe des Pallas Café unter der Leitung von Frau Kassebeere-Randecker im Einsatz, um das Abendessen für die Lernstatt-Teilnehmer in der Bürgerschaft vorzubereiten. Souverän gelang nicht nur dies, sondern v.a. das Buffet für die Festgesellschaft nach Abschluss der Feierstunde, die ihren Schlusspunkt mit den Blechbläsern der Gesamtschule-Ost gefunden hatte.

Eine zusätzliche, besondere Herausforderung für die Jugendlichen war es zugleich, sich in der Arbeit zugleich ganz ruhig zu verhalten, da die Vorbereitungen in unmittelbarer Nähe der Veranstaltung stattfanden. Das – so sagten sie im Nachgespräch – sei leichter gesagt als getan. Aber die Schülerinnen und Schüler glänzten mit sagenhafter Disziplin, Höflichkeit, Umsichtigkeit und absoluter Arbeitsbereitschaft. Das verdient umso größere Anerkennung, als das Projekt "Pallas Café" sich ebenfalls in der Ausschreibung "Demokratisch Handeln" beworben hatte, gleichwohl von der Jury nicht ausgewählt worden war. Dass dennoch dieser engagierte Einsatz beim Festempfang zustande kam, verdient den Dank der Teilnehmerschaft, der durch regen Zuspruch am Buffet auch seine Substanz gefunden hatte.

Der zweite Hamm-Brücher-Preis – ein Zeichen für die Demokratiepädagogik

Der "Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreis für Demokratie lernen und erfahren" will hervorheben, dass eine lebendige Demokratie eine vitale  Bürgergesellschaft braucht und er will damit unterstreichen, dass diese Aufgabe vor allem durch engagierte Bürgerinnen und Bürger in Pädagogik, Bildungspolitik und Gesellschaft sowie durch ein demokratisches Lernen in der Schule getragen werden muss. Er ist ein noch junges Konzept und sucht mit der Würdigung von Personen des öffentlichen Lebens im Gleichklang mit der Anerkennung von Schulprojekten, die durch Kinder und Jugendliche repräsentiert werden, erst noch seine Aufmerksamkeit und seinen Platz im Ensemble öffentlicher politischer und pädagogischer Preise und Ehrungen. Auch diese Aufgabe ist nicht ganz leicht, zumal über Demokratiepädagogik und Demokratiepolitik auch bis heute höchst unterschiedlich und bisweilen recht indifferent gesprochen wird: Viele haben eine Ahnung davon, wie wichtig die Entfaltung von Konzepten, entsprechender Praxis und vor allem auch einer substanziellen Förderung und Sicherung dieser beider Handlungsrichtungen – Lernen und Handeln für die Demokratie – in unserem Gemeinwesen sind. Und dennoch sind die praktischen und erzieherischen Anstrengungen zur Fortentwicklung und Sicherung unserer Demokratie keine Themen, denen die mediale Öffentlichkeit übermäßig huldigt.

Doch schon in seiner zweiten Runde in der Bremischen Bürgerschaft konnte der Hamm-Brücher-Preis erneut seinem Anspruch Genüge tun und eine Richtung in der Verständigung zwischen Politik, Pädagogik und Lernen von Kindern und Jugendlichen vorgeben, denn zweifelsohne war diese Preisverleihung sehr gelungen. Dem weiteren Werden dieses Preises darf man deshalb mit Spannung entgegensehen.

(Wolfgang Beutel, Dortmund/Jena)


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Update: 30.05.2011 (LR)

 
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