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"Beliebtheit ohne Beliebigkeit" oder "Das Verbindende im Neuen suchen". Der "Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreis für Demokratie lernen und erfahren" wird an Henning Scherf verliehen

Der noch junge demokratiepädagogische Preis, den die "Grande Dame" des Liberalismus und Bürgerengagements in Deutschland gestiftet hat, wurde im Rahmen der "Lernstatt Demokratie 2010" des an der Universität Jena ansässigen Förderprogramms Demokratisch Handeln am 10. Juni 2010 in einer Festveranstaltung in der Bremischen Bürgerschaft zum zweiten Mal verliehen. Der Preisträger aus dem Feld der Personen des öffentlichen Lebens war der langjährige Bürgermeister und Senatspräsident der Freien Hansestadt Bremen, Dr. Henning Scherf, der mit seinem Engagement in Bildung und Wissenschaft zu einer gerechten Bildungspraxis und zur Stärkung der Demokratiepädagogik in Schule und Unterricht beigetragen hat – so die Begründung der Auswahljury. Zwei Schulprojekte aus der bei der Lernstatt Demokratie 2010 ausgewerteten zwanzigsten Ausschreibung des Förderprogramms Demokratisch Handeln, die sich besonderen Akzenten des Integrations-Themas gewidmet hatten, kamen hinzu.

Nicht das Amt hat ein Gewissen, sondern der Mensch, der es ausfüllt

Die Laudatio auf den Preisträger hat die Schulsenatorin und Zweite Bürgermeisterin der Stadt Hamburg, Christa Goetsch gehalten. Sie hat in einer differenzierenden Hommage mit einer geistreichen Rede an der Person und dem Gestus von Henning Scherf dessen besonderen persönlichen Qualitäten seiner Amtsführung, aber auch der aus seinem Temperament und seiner Persönlichkeit resultierenden Pflege von Bindungen zwischen Bürgerinnen und Bürger auf der einen Seite und ihrem politischen Gemeinwesen auf der anderen Seite Tribut gezollt. Scherfs besondere Stärke liege darin, dass er gezeigt habe, wie "Bürger als Bürger Politik für Bürger" machten. Dafür habe er sich seine personale Eigenständigkeit nicht vom Kalkül wahlstimmenbezogener Wirksamkeit nach außen abkaufen lassen, wie dies vielfach aus machttaktischen Gründen geschehe, so Goetsch, denn "diese Grundidee der Bürger für Bürger-Politik ist dann bedroht, wenn Politik sich auf einen Wettbewerb der kalkulierten Beliebtheit reduziert." Die moralische Kraft einer solchen Politikhaltung, wie sie Henning Scherf verkörpere, liege eben darin, dass sie Bindungen der Bürgerinnen und Bürger an ihre demokratische Gemeinschaft stärke. Sie sei aber vor allem auch dort sehr stark, sagte die Hamburger Bildungssenatorin, wo dann sichtbar werde, wie "die freie Gewissensentscheidung darauf beruht, dass der Politiker als Mensch entscheidet. Denn nicht das Amt hat ein Gewissen, sondern nur der Mensch, der es ausfüllt."

Goetsch klopfte im Weiteren feinsinnig den Weg der politischen Berührungen zwischen dem Bremischen Bürgermeister und Bildungspolitiker sowie ihrer eigenen politischen und pädagogischen Vita ab. Sie stellte fest, dass sie bereits als Lehrerin und Teilnehmerin einer der ersten Veranstaltungen der "Lernstatt Demokratie" 1993 in Leipzig dem Bremischen Bildungspolitiker fasziniert zugehört habe und schließlich von ihm als grüne Politikerin lernen konnte, dass man in unserer Demokratie durchaus "auch mit der CDU regieren könne" – in Anspielung auf Scherfs seinerzeit in dessen eigener Bremer SPD umstrittenen Entscheidung zur langjährig regierenden großen Koalition unter seiner Führung. Dass lebendige Demokratie zugleich die Konkurrenz des öffentlichen Wortes dulden muss und auch aushält, demonstrierte Christa Goetsch mit der großen Souveränität ihres Vortrags – den sie gegen die lautstarke Konkurrenz des Marktplatzes halten musste. Denn vor dem Festsaal der Bremischen Bürgerschaft war eine wort- und lautstarke Demonstration, was die Hamburger Bildungssenatorin keinesfalls aus der Ruhe bringen konnte. Anerkennung und Beifall war Ihrer Laudatio sicher!

Jugend verkörpert Kreativität und Zuversicht

Der Preisträger war beeindruckt, sichtlich gerührt auch, als Hildegard Hamm-Brücher mit großer Anerkennung seines Engagements für bürgernahe Politik und gerade auch für demokratisches Lernen in der Schule – unter anderem hat Scherf in Leipzig 1993 entschieden für ein erstes Länderkooperations-projekt mit "Demokratisch Handeln" geworben, aus dem das heute so erfolgreiche Konzept der Regionalberatung entstanden ist – ihm Urkunde, Medaille und Preisgeld überreichte. Scherf versicherte sogleich, das er das Preisgeld der Grundschule am Buntentorsteinweg in Bremen-Mitte zur Verfügung stellen werde, damit die ihre, so Scherf, "hervorragende Arbeit, auch die Integrationsarbeit mit den Kindern entsprechend weiter entfalten kann." Diese Schule und die dortige Pädagogik habe ihn sehr beeindruckt, versicherte Henning Scherf.

In seinen Dankesworten hat der Politiker Scherf nochmals eine Bilanz gezogen und seine Position verdeutlicht, Vertrauen in die soziale und durch Menschen geprägte Form der Verständigung und auch des Konflikts als Weg der Politik zu nutzen und zu kultivieren. Insbesondere die Arbeit an und die Verbindung von Ansprüchen und Leistungen zwischen den Generationen heute sei ihm ein Herzensanliegen geworden. So kann es auch kaum verwundern, dass Henning Scherf sein Engagement für ein buntes Leben im Alter nicht als Interessenssicherung oder auch nur Werbung um Verständnis für die älteren Generationen sieht, sondern deren Potenziale hervorhebt. In den Älteren sieht Scherf die "klassische ehrenamtliche Basis" unserer Gesellschaft, in den Jüngeren, wie er sagte, "die Verkörperung des Glaubens an die Kreativität, insbesondere dann, wenn es darum geht, Perspektiven für Integration, Verständigung und Problemlösung zu erhalten." Mit etwas zeitlicher Distanz zu dieser Preisverleihung und in Kenntnis der durchaus optimistischen Zukunftssicht, die – wie man hört – der bald zu erwartende neue Jugendbericht 2010 des SHELL-Jugendwerkes herausstellen wird, kann man die darin liegende generationenpolitische Weitsicht nur bewundern.

Straßenfußball und Deutsche Einheit - Schulen mischen mit

Der Hamm-Brücher-Preis 2010 vergab zudem zwei schulbezogene Sonderpreise, die an das Projekt "Friends play together" der Hans-Klakow-Oberschule (Brieselang/BB) sowie an das Projekt "20 Jahre friedliche Revolution" des Johann-Gottfried-Seume-Gymnasiums (Vacha/TH) gehen. Diese stehen gleichwertig zum Hauptpreisträger aus dem öffentlichen Leben und wollen die besondere Bedeutung demokratiepädagogischer Schulpraxis herausheben.

Die Hans-Klakow-Oberschule will das Schulklima verbessern: Sie bildet hierzu Klassen- und Schülerräte. Diese erarbeiten ein "Schülerversprechen", das an die Stelle der bisherigen Schulordnung treten soll. Es werden Streitschlichter ausgebildet. "Das Besondere an dem Konzept dieser Schule ist, dass Straßenfußball eingesetzt wird, um die Prinzipien fairen und respektvollen Umgangs zu erfahren und Regeleinhaltung zu etablieren", sagt Jan Hofmann, Direktor des LISUM in Berlin/Brandenburg und seit Beginn des Förderprogramms in dessen Auswahljury und Vereinsvorstand tätig.

Wie hat die Schule ihr Anliegen umgesetzt? Mit Hilfe von KICKFAIR e.V. und der chilenischen Straßenfußballorganisation Chigol fahren acht Schülerinnen und Schüler mit zwei Lehrern im September 2009 gut vorbereitet für zwei Wochen zu einer Gastschule nach Santiago/Chile. Viele Teilprojekte gedeihen um diese Partnerschaft: Projekte zum Thema "Demokratie in Schule und Gesellschaft", Songs werden auf CD gebrannt, ein Kalender mit Fotos und Schülerberichten wird erstellt – alles in Zusammenarbeit der beiden Schulen. Nach der Rückkehr wird u.a. dieser Kalender verkauft mit dem Ziel, den Rückbesuch der chilenischen Schüler zu finanzieren. Er soll im Sommer 2010 stattfinden.

Bei diesem Projekt verbinden sich die Arbeit an einer demokratischen Schule mit einem jugendspezifischen Spielmodell – dem Fußball und dessen Regeln bzw. Schiedsrichterakzeptanz – als praktisch umsetzbarer Weg zur Fair-Play- und Regel-Schulung. Der "Hamm-Brücher-Preis" würdigt die Verbindung einer demokratischen Schulverfassung mit dem entwicklungspolitischen Thema der Lebens- und Armutsverhältnisse in Lateinamerika. Der brandenburgische Kultusminister Holger Rupprecht sieht in der Arbeit der Schule "einen integrativen Ansatz oder möglicherweise auch eine Spur, auf der die Schule künftig ein entwicklungspädagogische Profil erarbeiten könnte" und die Namenspatin des Preises Hildegard Hamm-Brücher "ein Projekt, in dem wichtige Aspekte des Zusammenlebens vor Ort und in globaler Perspektive erlernt und erprobt werden können."

Das Thüringer Gymnasium liegt nahe der früheren deutsch-deutschen Grenze. Es hat sich im Rahmen der "Festwochen zu 20 Jahre Grenzöffnung" mit einer eigenen Projektwoche an diesen Bildungs-, Gedenk- und Feiertagen beteiligt. Dabei war diese Projektwoche in Blick auf die Ergebnispräsentation innerhalb der Schule wettbewerbsartig angelegt: Jede Klasse konnte sich mit einem Teilprojekt darum bewerben, um am letzten Tag der Projektwoche ein herausragendes Ergebnis präsentieren zu können. Öffentliche Diskussionen, Sternmärsche, Theaterstücke, Studien und Arbeiten zur Stasi-Thematik sowie die feierliche Eröffnung einer Gedenktafel für die friedliche Revolution und die politische Wende in der ehemaligen DDR waren Elemente dieses Projektes, in dem sichtbar wird, wie differenziert und umfassend sich eine Schule einem solchen Grundlagenthema zuwenden kann, wenn sich alle darauf einlassen.


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Update: 30.05.2011 (LR)

 
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