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"Zerreist den Mantel der Gleichgültigkeit!": Die erste Verleihung des "Hildegard Hamm-Brücher-Preises für Demokratie lernen und erfahren"

Im Rahmen der 19. Lernstatt Demokratie wurde erstmals der "Hildegard Hamm-Brücher-Preis für Demokratie lernen und erfahren" an engagierte Personen und herausragende Schulprojekte demokratischen Handelns verliehen. Peter Fauser, wissenschaftlicher Leiter des Wettbewerbes "Förderprogramm Demokratisch Handeln" war der Laudator auf die beiden Personen und Preisempfänger Eva Madelung und Wolfgang Edelstein. Die Projektpreise gingen an die Schulprojekte "Respekt XXL" der Mittelschule Kitzscher in Partnerschaft mit der Johannes-Kepler-Realschule Hannover und "Bunte Schule, bunte Stadt" der IGS Regine Hildebrandt Magdeburg.

Respekt  XXL

Das Projekt "Respekt XXL" entstand aus der seit 1990 bestehenden Schulpartnerschaft, die 2006 auf der Kippe stand und, in den Augen der Schülerinnen und Schüler, den gewünschten Dialog nicht bringen konnte. Aus diesem Motiv heraus entwickelten die Jugendlichen ein fünftägiges Programm mit Workshops zu Themen wie Musik, Tanz, Kunst, Video, Theater, Multimedia und anderes mehr. Ende 2007 setzten sie dann die erarbeiteten Workshops erstmalig in die Realität um. Das Projekt und die folgenden Aufführungen in Hannover und Kitzscher wurden ein solcher Erfolg, dass es nun bereits im dritten Jahr in Folge stattfand. Das gemeinsame Erarbeiten der Workshops durch zwei einander fremde Gruppen aus verschiedenen Gegenden in Kombination mit kreativen Inhalten, die zu gewaltfreien Konfliktlösungen beitrugen, sind der Grund für die Verleihung des Preises an das Projekt "Respekt XXL".

Jan Hofmann, Vorstandsmitglied des Fördervereins "Demokratisch Handeln e.V.", der nicht nur das Förderprogramm trägt, sondern auf der Basis einer privaten Spende von Hildegard Hamm-Brücher nunmehr auch diesen Preis ausrichtet und künftig (soweit die Mittel und hoffentlich hinzukommende Spenden reichen) ausrichten wird, hat die Preisverleihung an das sächsisch-niedersächsische Toleranzprojekt begründet. Hofmann, selbst in der ehemaligen DDR aufgewachsenen und mit wachen Sinnen noch heute den Zwischentönen deutsch-deutscher Befindlichkeit hinterherhörend, wusste wohl hervorzuheben, wie wichtig derartige "biografieübergreifende, ja politisch biografisch verbindende" Projekte sein können. In beiden gesellschaftlichen Traditionen ist Intoleranz entstanden und gepflegt worden – aber gleichzusetzen sind sie deshalb nicht: "Wir benötigen viel mehr solcher Projekte, die die innerdeutsche Differenzerfahrung konstruktiv in ein Miteinander wenden", sagt der heutige Leiter des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg. Toleranz nach innen in der Schule, aber auch Aufmerksamkeit für unsere in der politisch-historische Differenz letzten Endes doch gemeinsame Geschichte sind in der Schule noch immer viel zu selten zu sehen. "Weil es natürlich Gründe hat, dass wir heute noch nicht wirklich offen mit der deutsch-deutschen Frage in Schule und Gesellschaft hantieren können – ohne dass das deshalb wirklich vernünftig ist", so Hofmann weiter, "sollten wir möglichst oft in länderübergreifenden Projekten Fragen der Toleranz und des Miteinanders praktisch bearbeiten. Die deutsche Einheit, ihre Voraussetzungen und gegenwärtige Herausforderungen jedenfalls sind echte Bildungsaufgaben für eine politisch wache Schulpraxis in der Demokratie", fasst Hofmann seine Erwartung an die Schule zusammen.

Bunte Schule, bunte Stadt

Mit dem Projekt "Bunte Schule, bunte Stadt" setzten 120 Schülerinnen und Schüler der Integrierten Gesamtschule "Regine Hildebrandt" in Magdeburg ein Zeichen für Vielfalt, Toleranz und Demokratie. Mit insgesamt vier Teilprojekten engagierten sie sich gegen Fremdenfeindlichkeit, Neonazismus und Antisemitismus. Im November 2007 riefen die Organisierenden Mitschülerinnen und Mitschüler sowie die Elternschaft dazu auf, Texte, Bilder, Illustrationen, Fotos, Collagen und Filme einzureichen, die sich für kulturelle Vielfalt und gegen Xenophobie aussprechen. Aus den zahlreichen Einsendungen wurden dann im Februar 2008 Beiträge ausgewählt, die anschließend in einer Broschüre veröffentlicht wurden. Weitere Teilprojekte kamen hinzu, so ein "Training gegen Stammtischparolen" in den Klassen 9 und 10, die Herstellung eines Wandteppichs in der Jahrgangsstufe 6 und ein Trommelworkshop mit einem Trommellehrer aus Mosambique. Die Ergebnisse aller Teilprojekte werden schließlich am 8. Mai, dem Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, vorgestellt. Das Projekt soll an der Schule weitergeführt werden.

"Bemerkenswert an diesem Projekt", betonte als Laudator der Geschäftsführer des Förderprogramms Wolfgang Beutel, "ist der partizipative Ansatz, der eine große Zahl von Teilnehmenden ermuntert, sich zur Vielfalt und Heterogenität der eigenen Stadt zu bekennen und diese als Chance und Lebensqualität wahrzunehmen". Dabei sind nicht nur der Prozess und die Zusammenarbeit hervorhebenswert, führte Beutel weiter aus, sondern auch die weitere Öffentlichkeit, die das Projekt durch die Präsentation der Ergebnisse in der abschließenden Veranstaltung und in einer zusammenfassenden Broschüre erreicht habe. Der Geschäftsführer des Förderprogramms "Demokratisch Handeln" verweist schließlich auch auf den innerschulisch wirksamen Aspekt dieses Unternehmens, wenn eine Lehrerin hervorhebt, wie gut ihr die Veranstaltung gefallen habe. "Ich war stark beeindruckt von dem Können und der Kreativität unserer Schüler. Fasziniert war ich auch von ihrer Fähigkeit, sich einmal von einer ganz anderen Seite dem Publikum zu zeigen",  so zitiert der Laudator die Kollegin aus Magdeburg.

Es ist deutlich geworden, dass gerade in den sozialen Brennpunkten der städtischen Ballungsräume Schulen intensiv Vorbeugung und Intervention gegenüber Intoleranz und Diskriminierung leisten müssen. Das gelte, so Wolfgang Beutel, "in Ost und West – vielleicht mir Varianzen in einzelnen Ursachenmomenten und da und dort in den Erscheinungsformen. Wer aber meint, das sei eine Aufgabe vor allem für Schulen in den neuen Bundesländern, der täuscht sich". Insofern sei die Auswahl eines herausragenden Projektes aus den neuen Bundesländer auch ein besonderer Anreiz, von dem eben auch Schulen in westdeutschen Städten lernen könnten.

Lebensarbeit für die Demokratie und Zeitzeugenschaft der NS-Zeit

Der frühere Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und demokratiepädagogisch engagierte Sozialwissenschaftler Wolfgang Edelstein sowie die Stifterin Eva Madelung erhielten den Hamm-Brücher-Preis für Ihr demokratisches Engagement und das damit verbundene Lebenswerk.

Wolfgang Edelstein, geboren 1929 in Freiburg/Brsg. als Sohn eines Musikers, hat in seiner Kindheit die Diskriminierung und Ausgrenzung als jüdisches Kind in der Schule unmittelbar und existenziell erfahren. Die Familie konnte noch rechtzeitig nach Island  emigrieren und dort eine Heimat finden. Edelstein hat die isländische Gesamtschule durchlaufen und sie schätzen gelernt. Er ist nicht nur als Berater für die curriculare Entwicklung des isländischen Bildungswesens in den 1960er- und 70er-Jahren tätig gewesen. Vielmehr hat er seine Biografie als nach Island emigrierter deutscher Jude in konsequenten Forschungen zu sozialpsychologischen Aspekten von Integration und Ausgrenzung bearbeitet und dabei die schulpraktischen Erziehungsverhältnisse nie aus den Augen verloren. Wolfgang Edelstein ficht bis heute mit Ungeduld für eine integrierende Schule, die ihre demokratische Grundlage nicht vergessen darf, sondern praktische Demokratie als Basis und Ziel jedes Lernens und aller Erfahrung betrachten muss. Seine Arbeiten insbesondere zur Entwicklung und Stärkung der moralischen Urteilskraft von Schülerinnen und Schülern, aber auch seine Beiträge zur Schulreform und zur Etablierung belastbarer Selbstwirksamkeitserfahrungen im schulischen Lernen zielen allesamt auf eine pädagogische Praxis, die das Handeln und die Ernsthaftigkeit des Lernens in realen Sozialsituationen und gesellschaftlichen Kontexten herausfordern, gleichwohl Erfahrung konsequent als eine Grundkategorie der Förderung kognitiv orientierter Lernstrategien verstehen.

Wolfgang Edelstein hat nach seiner Emeritierung zielstrebig und nahe an Schulpraxis und Schulentwicklung weitergearbeitet – das gilt bis heute. Ihm verdanken sich Grundlagen und Fachexpertise zum BLK-Modellprogrammm "Demokratie lernen & leben" – gutachterlich und in der Begleitung in enger Zusammenarbeit mit seinem Laudator Peter Fauser – sowie das entschiedene Einstehen für eine Interessenslobby und Fachgesellschaft für Demokratiepädagogik als Grundlagenaufgabe aller pädagogischer Praxis. Diese "Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik" wurde 2003 in Magdeburg gegründet und stand lange Jahre unter seinem Vorsitz. Noch heute ist Edelstein darin aktiv und zugleich publizistisch für dieses Thema engagiert tätig.

Eva Madelung hat als Stifterin in der Bosch- und der Heidehof-Stiftung eine Reihe von Projekten tätigen Lernens und basisnaher Schulentwicklung angestoßen und begleitet – vom "Praktischen Lernen", "Demokratisch Handeln", der IMAGINATA bis hin zum Deutschen Schulpreis reichen die Spuren ihres Mäzenatentums. Darin hat sich – wie Laudator Peter Fauser es formulierte – in Differenz zur gegenwärtigen Krise eines gewinnorientierten Kapitalismus "das handlungsleitende Bewußtsein gezeigt, dass Eigentum verpflichtet".

Ihr ureigenstes Anliegen war es in all diesen Dingen, ein Lernen für alle Kinder zu fördern und Lernhindernisse auf differenziertem und kreativem Wege zu beseitigen. Das derzeit so geläufige Wort der "Inklusiven Pädagogik" vorwegnehmend ging es Eva Madelung mit dem Praktischen Lernen um die "Stärkung des Lebensbezugs der Schule" und damit schon in den 1980er-Jahren darum, dass Schule nicht weiter verengt einer primär kognitiven Form der Stoffvermittlung und des Lernerfolgs gymnasialer Prägung hinterherlaufen dürfe, sondern vielmehr für alle Kinder und Jugendlichen Formen und Korridore erfolgreicher Erfahrung und damit begründeten praktischen Lernens ermöglichen müsse. Dass das Denken in "Vorstellungen" als eine Art "Innenseite des Lernens" für Eva Madelung immer ein besonderes Interesse ausgelöst hat, konnte Peter Fauser in seiner genau begründenden Laudatio besonders hervorheben: "Dass Sie, Frau Madelung, und Ihr Bruder Robert Bosch d.J. als Kinder eines großen schwäbischen Unternehmers und technischen Kopfes, als Schüler eines Landerziehungsheims, dass ihr Bruder als Ingenieur, sie beide als Therapeuten, dass sie die Forderungen und den Reichtum der praktischen Welt und der Vorstellungskraft viel deutlicher erkennen konnten als jemand, der fast ausschließlich mit der Schule zu tun hat und von ihren Beschränkungen nicht frei sein kann – das erscheint mir rückblickend nicht rätselhaft zu sein."

Fauser betont, dass zivilgesellschaftlich verankerte Initiativen und Förderprogramme einen besonderen Beitrag dazu leisten, dass Lernen und Schule sich aus der in ihrer Tradition angelegten Bevormundung durch autoritäre Lebensverhältnisse, durch obrigkeitliche Systeme und durch bürokratische Zwänge befreien können: "Darin liegt die am meisten politische, die am klarsten demokratiepädagogische Dimension Ihres Engagements", bündelt er die Begründung für das stifterische Mäzenatentum von Eva Madelung.

Demokratie braucht Freiheit und Verantwortung bereits in der Schule

Als die drei Zeitzeugen Hildegard Hamm-Brücher, Eva Madelung und Wolfgang Edelstein in ihren Dankadressen zu dem überwiegend jugendlichen Auditorium von ihrer Erfahrung mit dem Dritten Reich, dessen Bedrohung, aber auch dessen jugendzugewandter Verführung des "Anerkannt und dabei sein Wollens" lebensgesättigt gesprochen haben, war es mit Händen zu greifen: Wer Unrecht und Bedrohung erfahren hat, sperrt sich gegen einfache Ideologien und Massenbewegungen. "Die Quellen der Demokratie sind Freiheit und Verantwortung", betont Hildegard Hamm-Brücher, "ihr Alltag ist es, Vielfalt als Bereicherung zu verstehen und die Aufgabe der Schule bleibt es, dies lebensnah und alltagspraktisch durch Erfahrung und Handeln zu lehren".

"Demokratie lernen und erfahren", diese Konnotation war Hildegard Hamm-Brücher für den von ihr gestifteten Preis ein besonderes und richtungsgebendes Anliegen. "Der Name des Preises bringt die demokratiepädagogische Überzeugung auf den Punkt, an der sich das Förderprogramm 'Demokratisch Handeln' orientiert", folgert Laudator Peter Fauser daraus, "er ist zugleich so etwas wie das Credo seiner Initiatoren, Träger und Kooperationspartner, allen voran Hildegard Hamm-Brücher. Demokratie lernen. Das heißt: Demokratie ist kein vorgegebener Natursachverhalt, sondern eine uns Menschen mitgegebene Möglichkeit, die sich zur Tatsache erst ausbilden kann in der Zusammenarbeit von Menschen, die bestimmte Prinzipien verfolgt und zugleich entfaltet. Demokratie ist ein kunstvolles Menschenwerk, ihre Bewahrung und Entwicklung eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Fähigkeiten, die dazu nötig sind, mit andern demokratisch zu handeln, müssen gelernt werden und sie können gelernt werden und für dieses Lernen ist eigenes Handeln grundlegend", fasst Fauser die schulpädagogische Querschnittsaufgabe der Demokratiepädagogik zusammen. 

Demokratie und Bildung sind stetige Gegenwartsaufgaben für die Pädagogik. Der "Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreis für Demokratie lernen und erfahren" will diese Gegenwartsaufgabe betonen und ihre Dringlichkeit alljährlich durch positive Bezeugung herausragender Beispiele unterstreichen. Ein konstruktiver Beitrag zur demokratiepädagogischen und demokratiepolitischen Entwicklung soll von ihm ausgehen.

Es scheint auf der Hand zu liegen: Demokratie und Bildung sind Herausforderung und Alltagsaufgabe zugleich für die Pädagogik in Wissenschaft und Praxis. Zu Recht wird sich die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) deshalb im Jahr 2010 in ihrem Mainzer Bundeskongress damit befassen und es bleibt zu hoffen, dass in Blick auf die Schule außer den wichtigen und gängigen Output- und Outcome-Fragen der Wissenschaftszunft auch solche nach der demokratischen Qualität im Schulsystem und im schulischen Einzelfall gestellt werden. "Demokratisch Handeln" und der Hildegard Hamm-Brücher-Preis können hierzu Hinweise und Fachwissen beisteuern.

(Jena, 12.07.2009, Wolfgang Beutel)

 
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