Barrieren abbauen

Schüler besuchen ein Obdachlosenheim

"Müssen wir den Schnaps selbst mitbringen ?" - "Was ? Wir sollen zu Pennern ?" - Das sind die ersten giftigen Kommentare, die Schüler der neunten Klasse der Guardini-Hauptschule in München von sich geben, als sie auf Recherche über Obdachlose für das Aachener IZOP-Institut und die Süddeutsche Zeitung gehen sollten. Auch viele Eltern konnten sich zuerst nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ihre Kinder "Penner" befragen würden.

Die Klasse hat sich rund fünf Monate mit der "Obdachlosigkeit in München" beschäftigt. Ihre Deutschlehrerin hatte die Idee, nach dem sie in der Presse ständig über Obdachlose gelesen hatte. Da sie sich dafür interessierte, wollte sie das Thema auch in ihren Unterricht einbringen.

Als die Klasse erfuhr, sie solle über Obdachlose berichten, lehnte sie es zunächst ab. Doch als sie sich etwas näher mit dem Thema befasste, indem sie Zeitungsartikel sammelte, wurden die Vorurteile zum Teil abgebaut. Die Schüler beschlossen, ein Männerwohnheim zu besuchen.

Die obdachlosen Männer waren zuerst außerordentlich distanziert und ließen sich kaum fotografieren oder gar interviewen. Doch wenn die Schüler einmal mit ihnen ins Gespräch gekommen waren, erzählten sie ihnern oft ihren ganzen Lebenslauf. So hat einer der Männer beispielsweise sein ganzes Geld verspielt und ein anderer nicht nur seine Frau, sondern auch seine Arbeitsstelle verloren.

Einige Schüler waren so interessiert, dass sie ein paar Stunden länger in dem Heim geblieben sind. Mehrere Wochen waren alle sehr betroffen - sie konnten an nichts Anderes mehr denken. Bei der zweiten Elternumfrage der Klassenlehrerin waren die meisten Eltern sehr angetan und inzwischen überzeugt, es sei richtig und effektiv gewesen, die Schüler diese Recherche machen zu lassen.

Den Schülern wurde bewusst, dass sie alles, was sie brauchen, besitzen und sie haben das auch einmal zu schätzen gelernt. Die 16-jährige Tanja Maag berichtete: "Mein Leben hat sich geändert und ich bleib' jetzt auch mal stehen, wenn ich einen Obdachlosen sehe."

Durch die große Resonanz sieht sich die Klassenlehrerinbestätigt. Sie will auch im nächsten Schuljahr wieder Obdachlose besuchen - diesmal ein Frauenwohnheim.

(Autoren dieses Artikels sind die Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse der Guardini-Hauptschule in München.)

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Dokument erstellt am 22.01.2002 um 21:09:14 Uhr
Erscheinungsdatum 23.01.2002